Take your part

ENTWICKLUNGSWERKSTATT VON METHODEN FÜR KINDER- UND JUGENDPARTIZIPATION

Theoretische Herleitung:

Oft genug hört man vom Scheitern partizipativer Methoden wie Jugendparlamenten oder Jugendräten, mangels der Teilnahme von Kindern und Jugendlichen. Aber woran liegt die scheinbar fehlende Bereitschaft und Interesse, daran teilzunehmen? Am Desinteresse, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen? Die neueste Shell-Studie beweist das Gegenteil. Demnach ist zum Beispiel das politische Interesse bei Jugendlichen im Vergleich zu früheren Studien wieder leicht angestiegen und liegt bei den 12- bis 14-Jährigen bei mittlerweile 21 Prozent und den 15- bis 17-Jährigen bei 33 Prozent. Trotz der allgemeinen Politik- und Parteienverdrossenheit sind Jugendliche durchaus bereit, sich an politischen Aktivitäten zu beteiligen, insbesondere dann, wenn ihnen eine Sache persönlich wichtig ist (vgl. Shell-Studie 2010).

Zudem steht die Partizipation von Jugendlichen in einem Spannungsfeld, da

  • zwar der Anspruch besteht, Partizipation aller zu ermöglichen, die soziale Realität allerdings sehr selektiv ist.
  • Erwachsene wenig Interesse haben, Macht abzugeben.
  • Kinder und Jugendliche Partizipation erlernen müssen.
  • Kinder und Jugendliche sich in der Situation befinden müssen, in der sie Interesse und Ressourcen für Engagement entwickeln können, wobei die gesellschaftlichen Konditionen einer sozial gerechten Gesellschaft sich in die entgegengerichtete Richtung verändern.
  • Die vielen Gesetze zur Förderung der Partizipation viel Raum zur Interpretation lassen und die institutionellen Rahmenbedingungen vielfach fehlen.
  • Sich Räume für Partizipation oft auf das familiären Umfeld beschränken. (vgl. Moser 2010)

Auf der anderen Seite braucht lebendige Demokratie die Beteiligung der Menschen, also auch der Kinder und Jugendlichen. Sie muss von einer Gesellschaft getragen werden, damit sie weiter bestehen kann. Neben der politischen und der gesellschaftlichen Demokratie braucht es eine stützende Basiskultur – der „Demokratie als Lebensform“ (vgl. Dewey, 1993). „Ihr [Demokratie] Wert muss erfahren, erkannt und anerkannt, ihre normativen und geistigen Prinzipien müssen auch kognitiv durchschaut und in das individuelle Weltbild handlungsrelevant integriert sein“ (Greven 2005, 20). Diese Lebensform und politische Existenzweise bedarf somit einer aktiven Willensentscheidung, die durch Räume, in denen demokratische Prozesse und Werte erfahren werden können, ermöglicht und gefördert werden soll. Durch Partizipation werden demokratische Kompetenzen vermittelt, die junge Menschen befähigen ihren Anspruch auf gesellschaftliche Mitbestimmung geltend zu machen.

Daraus ergeben sich drei wesentliche Perspektiven für die Praxis der Partizipation Jugendlicher:

  1. Partizipation muss die Grundlage pädagogischen Handelns sein.
  2. Partizipation muss in allen Handlungsfeldern von Kindern und Jugendlichen stattfinden.
  3. Bisherige Konzepte und Praxis müssen überprüft und gegebenenfalls verändert werden. (s. Moser 2010)

Auf diese Perspektiven versucht der Bezirksjugendring mit einem Seminar zu reagieren.

Ziel:

Mit Hilfe theoretischer und theaterpädagogischer Zugänge und Methoden soll die Gelegenheit gegeben werden, die eigene partizipative Haltung zu erforschen und zu überprüfen, um dann konkrete und spezifische Methoden zu entwickeln, die in der eigenen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen angewendet werden können.

Da das Seminar selbst partizipativ konzipiert ist, spielen die Erfahrungen des einzelnen die wichtigste Rolle. ExpertIn ist damit jede und jeder Teilnehmende. Angesprochen werden sollen in diesem Wochenendseminar GruppenleiterInnen aus den oberbayerischen Jugendverbänden und Jugendringen, die kontinuierlich oder projektbezogen mit Kindern und Jugendlichen zusammen arbeiten. Ziel ist, dieses Seminar als Juleica-Update den Jugendverbänden als Gesamtpakte bereit zu stellen. Die „Entwicklungswerkstatt“ kann ab Frühjahr 2014 beim Bezirksjugendring Oberbayern gebucht werden. Die Jugendverbände und Jugendringe aus Oberbayern können dieses Seminar kostenlos in Anspruch nehmen. Sie kümmern sich nur um die Infrastruktur und Werbung der TeilnehmerInnen vor Ort – die Seminargestaltung liegt in den Händen von FachreferentInnen des Bezirksjugendrings Oberbayern.

Inhalt:

Die „Entwicklungswerkstatt“ ist in vier Module aufgeteilt. Angefangen mit einer allgemeinen Begriffsbestimmung, wird die eigene Handlungsmacht reflektiert, um dann über Partizipationsprozesse zu den subjektiven Erlebnissen in der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen zu kommen und daraus subjektive Methoden für die eigene Arbeit zu entwickeln.

1. Partizipation – Allgemein

Mit Hilfe von David Diamonds Übung „Push and Hold“ – „Schieben und Halten“ aus seinem „Theatre for Living“ soll durch das aktive Erleben von Partizipationsprozessen auf symbolischer und körperlicher Ebene die Kräfte und deren Wirkung verdeutlicht werden. Durch die anschließende Übersetzung in Machtverhältnisse können Ziele von demokratischen Prozessen und Partizipation festgelegt werden. Diese Modul wird durch die Kinderrechtskonvention, die “emanzipatorische Partizipation” (vgl. Oser et al. 2000, 10 ff., Liebel 2009 125 ff.), die Machtverhältnisse v.a. zwischen Erwachsenen und Kindern (vgl. ebd.) und dem „Konzept der Anerkennung“ (vgl. Pollmann 2005, 611 ff.) theoretisch unterfüttert. Im Anschluss sollen die theoretischen Hintergründe mit der konkreten Praxis und den möglichen Interessen der Kinder und Jugendlichen verknüpft werden.

2. Reflexion der eigenen Handlungsmacht

Anhand einer weiteren theaterpädagogischen Übung werden die TeilnehmerInnen im zweiten Schritt für ihre Handlungsmacht, Kommunikation und die systemischen Zusammenhänge sensibilisiert. Daraus ergeben sich bereits konkrete Handlungsansätze für die Praxis. Sie werden dazu ermutigt, ihre eigene Position und Haltung im Rahmen von Partizipationsprozessen zu reflektieren.

3. Konzepte von Partizipation

Anhand von drei analytischen Kategorien für Partizipationsprozessen, die sich mit der Reichweite (vgl. Liebel 2009, 132f.), den Graden (vgl. Schröder 1995, 16) und den Phasen (Stange 2013, 7f.) von Partizipation beschäftigen, soll mit Hilfe kollegialer Beratung die soziale Praxis der TeilnehmerInnen überprüft werden.

4. Praktische Umsetzung – Methoden

Kollegiale Beratung kommt auch im nächsten Schritt maßgeblich zum Tragen. Hier geht es darum, konkrete spielerische, Haltungs-, Kommunikations- und strukturelle Methoden für die eigene Praxis zu entwickeln. Zentral dabei ist, dass nicht jede Methode und jedes Herangehen für jeden Kontext passend ist und deshalb Methoden oft auch für die spezifische Situation geschaffen werden müssen.

Am Ende sollen die TeilnehmerInnen einen Koffer voller Methoden und Herangehensweisen mitnehmen können.

 

Titelseite Dokumentation Partizipation

Kontakt für Information und Buchung des Seminarangebotes:

Tom Muhr

Email: Tom.Muhr@jugend-oberbayern.de

Tel: 0 89. 54 70 84 20

Download Flyer: TAKE your PART

Download: Dokumentation Partizipation

 

 

Text von Anna Fischer

Literatur:

Dewey, J. (1993): Demokratie und Erziehung: eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Weinheim, Basel

Greven, M. (2005): Politische Bildung in der politischen Gesellschaft: Erziehung zur Demokratie. In: Himmelmann, G./Lange, D. (Hrsg.): Demokratiekompetenz. Beiträge aus Politikwissenschaft, Pädagogik und politischer Bildung. Wiesbaden: 18 – 26

Oser, F./ Ullrich, M./ Biedermann, H. (2000): Partizipationserfahrungen und individuelle Kompetenzen. Literaturbericht und Vorschläge für eine empirische Untersuchung im Rahmen des Projekts „Education à la Citoyenneté Democratique (ECD)“ des Europarats. Departement Erziehungswissenschaften der Universität Fribourg

Liebel, M. (2009): Kinderrechte – aus Kindersicht. Wie Kinder weltweit zu ihrem Recht kommen. Berlin und Münster. LIT

Moser, S. (2010): Beteiligt sein. Partizipation aus Sicht der Jugendlichen. Wiesbaden

Pollmann, A. (2005): Würde nach Maß. In: Honneth, A./ Krüger, H.-P./ Schneider, H. J. (Hrsg.): Deutsche Zeitschrift für Philosophie. 53. Jahrgang. Heft 4. Akademie Verlag 611 – 619

Schröder, R. (1995): Kinder reden mit! Beteiligung an Politik, Stadtplanung und -gestaltung. Weinheim und Basel

Stange W. (2013): Was ist Partizipation? Definitionen – Systematisierung. Zu finden unter: http://www.kinderpolitik.de/beteiligungsbausteine/grundlagen.php

 

 

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