Das Thema wurde im Rahmen von „Jugendarbeit lebt!“ aufgegriffen, unserem fast monatlichen Online-Impulsformat zu aktuellen Themen der Jugendarbeit. Gemeinsam mit Expert*innen geben wir Denkanstöße, neue Perspektiven und Impulse für die Praxis.
Zu Gast war Corina Elfe, Expertin für Neurodivergenz, Schule und neuroinklusives Lernen. Auf ihrer Plattform „Kapierfehler“ bietet sie Fortbildungen, Beratung und Veröffentlichungen rund um ADHS, Autismus und besonderen Bedürfnissen an. Ihr Ansatz lädt dazu ein, Verhalten nicht nur von außen zu betrachten, sondern auch nach möglichen Bedürfnissen, Belastungen und Bewältigungsstrategien zu fragen.
Autismus ist eine besondere Form der Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Autistische Menschen nehmen ihre Umwelt, soziale Situationen, Gefühle und Reize oft anders wahr. Das kann sich zum Beispiel in der Kommunikation, im sozialen Miteinander, im Umgang mit Veränderungen, in Routinen oder in intensiven Interessen zeigen.
Wichtig ist, dass Autismus ein Spektrum ist. Autistische Menschen sind sehr unterschiedlich. Manche benötigen viel Unterstützung, andere kommen im Alltag weitgehend selbstständig zurecht. Einige sprechen wenig oder gar nicht, andere haben sehr ausgeprägte sprachliche Fähigkeiten. Auch Denkweisen, Interessen, Intelligenz und der Umgang mit Reizen können sehr verschieden sein. Deshalb passt der Satz „Kennst du eine autistische Person, kennst du eine autistische Person.“
Neurodiversität ist in Gruppen der Jugendarbeit und in Klassenzimmern keine Ausnahme. Gerade ADHS und Autismus begegnen Fachkräften in der Praxis häufiger, als es auf den ersten Blick sichtbar ist. Etwa 8 bis 10 Prozent der Schüler*innen haben ADHS. Beim Autismus wird allgemein von rund 1 Prozent ausgegangen, in Schulen eher von 3 bis 4 Prozent. Auch andere Formen von Neurodivergenz können eine Rolle spielen oder gemeinsam auftreten. Dadurch entstehen sehr unterschiedliche Bedürfnisse, Stärken und Herausforderungen.
Autistische Kinder und Jugendliche können zum Beispiel besonders empfindlich auf Geräusche, Licht, Berührungen, Gerüche oder viele gleichzeitige Eindrücke reagieren. Manche nehmen auch Stimmungen, Körpersprache oder Tonfall anderer Menschen sehr intensiv wahr. Andere sind gegenüber bestimmten Reizen eher unterempfindlich und brauchen stärkere Impulse, um sich gut zu spüren. Auch „Masking“ kann eine Rolle spielen. Manche autistische Menschen passen sich stark an ihre Umgebung an, um nicht aufzufallen. Das kann viel Kraft kosten.
Tipps in der Praxis
- Verhalten als Hinweis verstehen. Verhalten kann zeigen, dass gerade etwas zu viel ist, zum Beispiel Lärm, Nähe, Unsicherheit, Zeitdruck oder soziale Anspannung.
- Reize reduzieren. Kopfhörer, Sonnenbrille, gedimmtes Licht, ein ruhiger Platz, weniger Stimmen oder eine Pause draußen können helfen, Überlastung vorzubeugen.
- Rückzug ermöglichen. Ein fester Rückzugsort oder die Möglichkeit, kurz aus der Situation zu gehen, kann Sicherheit geben. Rückzug muss nicht Ablehnung bedeuten, sondern kann Selbstschutz sein.
- Stimming zulassen. Wippen, Kneten, Nesteln, Summen, Kauen oder wiederholte Bewegungen können helfen, Stress abzubauen und sich zu regulieren.
- Klare Strukturen geben. Vorhersehbare Abläufe, kurze Ankündigungen, sichtbare Pläne und verlässliche Absprachen können Orientierung schaffen.
- Kommunikation anpassen. Besonders in angespannten Situationen helfen kurze, klare Sätze, wenig Druck und ausreichend Zeit zum Reagieren.
- Körperkontakt nicht voraussetzen. Abstand, Ruhe und die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was gerade geht, können entlastend wirken.
- Anforderungen flexibel gestalten. Manchmal hilft es, eine Aufgabe zu verschieben, eine Alternative anzubieten oder eine Situation erst einmal zu entspannen.
- Stärken wahrnehmen. Besondere Interessen, genaue Wahrnehmung, Kreativität, analytisches Denken oder Fachwissen können wichtige Ressourcen sein.
Der Impuls aus dem Thema ist eine Einladung, genauer hinzuschauen und unterschiedliche Wahrnehmungen mitzudenken. Gerade in der Jugendarbeit entstehen dadurch Chancen, junge Menschen gut zu begleiten, ihnen Sicherheit zu geben und Räume zu schaffen, in denen sie sich mit ihren Bedürfnissen, Interessen und Stärken einbringen können.
Wer sich noch etwas mehr damit beschäftigen möchte, kann sich hier informieren:
Buchempfehlungen
Bo Hejlskov Elvén & Anna Sjölund. Handeln, Auswerten, Verändern.
Bo Hejlskov Elvén. Herausforderndes Verhalten vermeiden.
Vero. Das andere Kind in der Schule.
Sarah Meiners. How to Handle a Panda.
Corina Elfe. Kinder, die durchs Raster fallen. Wie neurodivergente Kinder in der Schule leiden und was sich für alle ändern muss.
Linktipps und Online-Angebote
Kapierfehler.de: Auf ihrer Website bündelt Corina Elfe Informationen zu Fortbildungen, Beratung und Veröffentlichungen rund um Neurodivergenz, Schule und neuroinklusives Lernen.
Kapierfehler Podcast: Neurodivergenz und Schule. Im Podcast geht es um Erfahrungen neurodivergenter Menschen in der Schule, um gewünschte Unterstützung und darum, warum neurodivergente Kinder und Jugendliche häufig missverstanden werden.