EUROPE TO GO 2016

EUROPE TO GO 2016

EINE REISE DURCH DREI LÄNDER UND SECHS STÄDTE

Europa – unterwegs mit (k)einem Ziel?

Eine Reportage von Nicole Schmidinger

Unterstützt und betreut durch den Bezirksjugendring Oberbayern und auf Einladung des Bayerischen Jugendrings (BJR) haben sich 14 Jugendliche, mit unterschiedlichen journalistischen Vorerfahrungen, auf eine Reise nach Brüssel begeben. Eine Reise durch drei Länder, sechs Städte und viele Köpfe – darunter auch die eigenen. Geleitet wurden sie von einem großen Begriff: Europa.

Ein langsames Rennen liefern sich die Regentropfen auf der anderen Seite der Scheibe – bis sie in einer Spur zusammenfinden und so schnellan den übrigen Tropfen vorbeiziehen. Im Inneren des Busses werden Texte eingesprochen, Videomaterial geschnitten und Ideen ausgetauscht. Der Duft von frischem Kaffee legt sich in die Luft genauso wie das Geräusch von arbeitenden Tastaturen. Der Busfahrer lässt alle wissen, dass es bis Bonn nur noch wenige Minuten sind. Über 400 Kilometer Wegstrecke hat die Gruppe bisher schon zurückgelegt.

Am Tag zuvor hat ihre Reise begonnen und nun sind sie schon mittendrin. Hinter ihnen liegen Nürnberg und Würzburg. Zwei Städte, in denen die Jugendlichen sowohl Passanten auf der Straße als auch Martina Mittenhuber, die Leiterin des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg, interviewt haben. Dabei ist eines immer präsent: Alles dreht sich um Europa. Dahinter stehen Fragen, Vorstellungen und Ideen, welche die Jungjournalisten auf ihrer Reise näher beleuchten und verstehen wollen. Sie wollen herausfinden, welche Ideen und Gefühle andere Jugendliche mit Europa verbinden – in all ihren Facetten und Haltungen. So erklärt beispielsweise Florian, BWL-Student aus Nürnberg: „Für mich ist die EU nur ein Bündnis auf Papier.“ Während Abdullah aus Syrien, seit eineinhalb Jahren in Nürnberg lebend, einer ganz anderen Meinung ist: „Ich bin sehr dankbar. Ohne die EU könnte ich hier nicht studieren gehen.“ Wieder im Bus lassen die Jugendlichen Revue passieren, was sie in den beiden bayerischen Städten erlebt und wahrgenommen haben: einen meist offenen Austausch von Ansichten mit den Befragten, die Meinungen junger Menschen zur aktuellen europäischen Situation, aber auch das Desinteresse Einzelner gegenüber sämtlicher Politik. Am Parkplatz des Hostels in Bonn angekommen, scheint die Sonne. Kies knistert unter den Schuhsohlen und Koffern. Die Gruppe verlässt den Bus. Das große Thema Europa verlässt sie aber nicht, denn noch am selben Tag treffen die Jugendlichen auf internationale Gäste des Pressenetzwerks für Jugendthemen unter anderem aus Israel und Luxemburg. So setzt sich der Dialog über Gemeinsamkeiten und Unterschiede an diesem hellen Mai-Abend fort, eingerahmt von einer vertrauten Atmosphäre bei Schinken-, Gemüse- und veganer Pizza bis zu einem weniger hellen Zeitpunkt in der frühen Nacht.

Am nächsten Morgen besuchen drei EuroPeers[1] die Jugendlichen auf dem Hostel-Gelände. Man versammelt sich um einen großen, eckigen Tisch im Freien, wo Sonnenstrahlen und viele Fragen auf sie warten. Die EuroPeers sind europapolitisch engagiert und haben an einem Europäischen Freiwilligendienst (EFD) teilgenommen. Joscha, Student des Umweltingenieurwesens, erzählt zum Beispiel von den Erfahrungen, die er während seines elfmonatigen EFD in einer Grundschule in Rumänien, sammeln konnte. Dort wollte er den Kindern helfen, die Länder und somit auch verschiedenen Kulturen Europas kennenzulernen. „Wir sind immer mit einer Europa-Rakete in die einzelnen Länder geflogen“, erinnert sich Joscha und lächelt. Doch obwohl alle drei von ihren Erlebnissen während des EFDs schwärmen, merkt Eva, die ihren Europäischen Freiwilligen Dienst in Spanien gemacht hat, an: „Europa ist nicht nur toll und so schön bunt. Es gibt auch Schattenseiten.“ So zum Beispiel die Jugendarbeitslosigkeit in vielen europäischen Ländern oder auch der Umgang mit der aktuellen Flüchtlingssituation.

Insgesamt leben laut einer Statistik von eurostat über 508 Millionen Menschen[2], aufgeteilt auf 28 Länder, in dem „gemeinsamen Europa“. Die EU ist der Zusammenschluss dieser Länder. Nicht aber all ihrer Bürger. Manche sehen sich als Deutsche, als Niederländer, als Belgier. Andere wie Benedikt, European Law-Student aus Berlin, und EuroPeer Eva sagen: „Ich sehe mich als Europäer/in.“ Viele Befragte fühlen sich aber weder als Europäer noch beispielsweise als Deutscher. Sie bezeichnen sich selbst ganz einfach als Mensch. Ein solches Identifikationskriterium ist allerdings nicht repräsentativ für das„Wir“-Gefühl der in Europa lebenden Jugend. Denn bekommt man die Chance, sich aus seinem gewohnten Umfeld zu bewegen und in ein Neues einzutauchen, so kann man mit ein wenig Offenheit im Gepäck ganz schnell ein neues „Wir“-Gefühl entdecken. So, wie es die Jugendlichen auf ihrer weiteren Reise von Maastricht über Aachen nach Brüssel noch verstärkt selbst erfahren. Es ist ein „Wir“-Gefühl, das erst vom Bezirksjugendring Oberbayern durch das „Europeto go!“-Projekt ermöglicht wurde. Ein Gefühl, das auch für die europäische Politik unerlässlich ist.

Es regnet wieder. So stark, dass die Jugendlichen ihr Straßen-Schiff, den Bus, zurücklassen müssen und zu Fuß den Weg ins Trockene suchen. Unter dem Schirm treffen sie bei der Veranstaltung „Auf dem Schirm: Jugend gestaltet Europa mit“ des BJR ein. Die Schuhe durchnässt, die Stimmung aber gut. Was folgt, ist eine angeregte Diskussionsrunde, die Jens Nymand Christensen, der stellvertretendeGeneraldirektor für Bildung und Kultur in der Europäischen Kommission, mit denWorten beendet: „Europe is not the solution for everything but an important element to solve many problems.”

Europa: ein Kontinent, ein wirtschaftlicher Zusammenschluss, eine Sammlung an Aufgaben, die es zu lösen gilt. Europa als politisches Konstrukt bildet ein Dach über vielen Kulturen, führt aber auch zu weiteren Fragen. Die Frage nach der Zukunft dieses Daches zu beantworten, übersteigt allerdings die Möglichkeiten der Jugend. Und die Offenheit der Alten. Aristoteles hat einst gesagt: „Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders setzen.“ Wenn man sich nun also an den Regentropfen einVorbild nehmen würde und die Jungen, die Alten, Deutsche, Belgier, Europäer und viele weitere Menschen in eine gemeinsame Spur finden. Wenn man zusammen die Segel hisst, geschlossen voranschreitet. Dann kann jede Irrfahrt gemeistert und jedes Ziel erreicht werden. Denn oft ist der Weg schon das Ziel.

[1] https://www.europeers.de/

[2] http://europa.eu/about-eu/facts-figures/living/index_de.htm

Nicole Schmidinger
Am Anfang: die Schülerzeitung.

Danach: Schreibwettbewerbe und Medienprojekte.

Mittendrin: Ausbildung zur Medienkauffrau Digital und Print.

Zum Schluss: sehr dankbar, ein Teil von „Europe to Go!“ gewesen sein zu dürfen.

Ein Bild, ein Tag

von Felicitas Schwarzensteiner

Young Europe.

Ein Beitrag von Clarissa Juse, Annemarie Rencken und Tarek Fetih

Ein Bild, ein Tag

von Felicitas Schwarzensteiner

25.05.2016 I Tag 1: Nürnberg und Würzburg

Nürnberg, die Stadt des Friedens und der Menschenrechte, stellt sich seiner Geschichte und möchte Vorbild sein für Engagement und Humanität. Nürnberg ist die einzige Stadt in Deutschland die sich ein eigenes Menschenrechtsbüro leistet. Meike und Max im Gespräch mit Martina Mittenhuber, der Leiterin des Menschenrechtsbüros in Nürnberg.

Ein Interview von Meike Kratzer und Max Tenschert.

Das Künstlerkollektiv “Geheimagentur” will über Grenzen reden. Mit ihrem mobilen Checkpoint ziehen sie durch Nürnberg, führen Kontrollen durch und stellen Fragen, die die Grenzen der eigenen Einstellung ausloten sollen.

Ein Interview von Antonia Neumeier und Tristan Reitter.

Das war Nürnberg.

Ein Bild, ein Tag

von Felicitas Schwarzensteiner

26.05.2016 I Tag 2: Bonn

Auf den Spuren der Menschenrechte

Ein Beitrag von Antonia Neumeier und Tristan Reitter

Ein Bild, ein Tag

von Felicitas Schwarzensteiner

27.05.2016 I Tag 3: Köln & Bonn

Was wäre wenn, Kühe quadratisch wären, oder es die EU nicht gäbe? Diese und andere Fragen,

gestellt von Nicole Schmidinger, Pascal Kindsvater und Mike Woods.

Das war Bonn und Köln.

Ein Bild, ein Tag

von Felicitas Schwarzensteiner

28.05.2016 I Tag 4: Maastricht & Aachen

Die Universitätsstadt Maastricht weist einen großen Anteil internationaler Studenten auf. Besonders die Internationalität und die Vielfalt der Studiengänge reizt viele junge Leute, ihr Studium in Maastricht zu beginnen. Wir haben uns mit zwei deutschen Studenten getroffen, die uns ihr Maastricht gezeigt haben.

Ein Interview von Meike Kratzer und Susanne Pavlik

Das war Maastricht.

Ein Bild, ein Tag

von Felicitas Schwarzensteiner

29.05.2016 I Tag 5: Brüssel

Eine Hymne für Europa.

Die Hymne der Europäischen Union ist eine Instrumentalfassung der “Ode an die Freude” von Ludwig van Beethoven. Instrumental? Viel zu langweilig, fanden wir. Deshalb fragten wir die Menschen die uns auf unserer Reise begegneten, was ihnen wichtig ist. Übrigens: bald gibt es unsere Hymne auch zum anhören!

von Tristan Reitter,  Felicitas Schwarzensteiner und Nicole Schmidinger

Vielfalt, Freiheit und Gemeinschaft gibt den einzelnen Ländern Kraft. Zusammenhalt schafft Möglichkeit, die den Kontinent befreit.

Mitsprache ist für uns wichtig, aber wohin führt zu viel? Ohne Zuhören ist es nichtig. Miteinander ist das Ziel.

Verschlossenheit nimmt Überhand und Respekt geht verloren, aus alten Ideen geboren fährt Europa gegen die Wand.

Die EU ermöglicht es uns jeden Bildungsweg zu gehen, dabei liegt die Kunst darin, auf
diesem Weg nicht still zu stehen. die Möglichkeit erstreckt sich weit, Land
zu Land Verbundenheit.

Vielfalt, Freiheit und Gemeinschaft, gibt den einzelnen Ländern Kraft. Zusammenhalt schafft Möglichkeit, die denKontinent befreit.

Für manche ist Europa nur ‘n träges Bündnis auf Papier. Manche gewinnen, manche verlieren, Eingefahren in der alten Spur.

Nicht nur Ländergrenzen sind besetzt, auch dem Geist sind Grenzen gesetzt. Selbstentwicklung wird geschätzt, nur möglich aber wenn Europa sich vernetzt.

Jugend ist Europas Hoffnung, darum muss man sie mit einbezieh‘n. Ihnen eine Stimme geben und
diese auch steht’s ernst zu nehmen.

Vielfalt, Freiheit und Gemeinschaft, gibt deneinzelnen Ländern Kraft. Zusammenhalt schafft Möglichkeit, die den Kontinent befreit.

Europa braucht mehr Bürgernähe, um motiviert mich einzubringen. Europa muss mich involvieren, damit ich wieder wählen gehe!

Ein Bild, ein Tag

von Felicitas Schwarzensteiner

30.05.2016 I Tag 6: Brüssel

Liveticker: On the radar: Youth shapes European politics – Auf dem Schirm: Jugend gestaltet Europa mit!

von Annemarie Rencken und Nicole Schmidinger

Zum Abschluss und Höhepunkt unser Reise von München nach Brüssel geht es für uns Jungjournalisten zu einem politischen Event – kein Wunder, wenn man in der Hauptstadt der EU ist. Das Besondere dabei: wir selbst sind das Thema der Diskussionsrunde, denn es geht um junge Leute in Europa. Hochmotiviert und in unseren besten Outfits machen wir uns in unserem Reisebus auf den Weg durch den Feierabendverkehr. Mit dabei unser stets gut gelaunter Busfahrer Ernst. Soweit so gut. Doch nicht alles läuft ganz so,wie wir es geplant hatten.

17:15 Uhr

On y va

#derregenkannunsgarnichts

18:19 Uhr

Im Rotlichtviertel. Abfahrt war vor einer Stunde. Gefühlt haben wir bisher 100 m zurückgelegt und hätten eigentlich schon um 18:00 Uhr da sein sollen.

#mopsgeschwindigkeitistdefekt #stau #fastpünktlich#ernstbleibtcool

18:27 Uhr

#wefoundloveinahopelessplace

18:34 Uhr

#worworkworkworkwork

18:45 Uhr

Wir verlassen unseren Lieblingsbusfahrer

#ernsthaftallein
#beiunslaufennurdiefüße #zufußsindwirschneller #kannjanurbesserwerden

18:50 Uhr

Jetzt muss der Nahverkehr helfen

#bestemetro #typischdeutschtypischpünktlich #maalbeek

19:00 Uhr

Hilfeeeee

#jugenduntermschirm #nassaberglücklich #tropftbeiuns #autodusche #wasserfestesmakeupwärenicegewesen #schirmkuschelparty

19:08 Uhr

#endlichangekommen #jetzterstmaleinbier #oder5 #jaokmusswohlwarten #diearbeitruft

19:15 Uhr

#wiederhübsch #sofast #professionaljournalists 

#fishbowdiskussionlbeginntfüruns

19:18 Uhr

Die Europaparlament-Abgeordneten

Maria Noichl (SPD) und Markus Ferber (CSU), Moderatorin Frau Broich, BJR-Präsident Matthias Fack und Jens Nymand Christensen, stellvertretender Generaldirektor für Bildung und Kultur in der Europäischen Kommission haben ohne uns angefangen :’(

#fragenfordernantworten #zumglücknochnichtsverpasst

19:28 Uhr

erste Mitdiskutantin

#freierstuhl

19:32 Uhr

Christensen “barb wire can’t be the answer”

#solidarity #szenenapplaus #challengeforeurope #it’stakingtime

19:35 Uhr

#pascaltrautsich #pascalonstage

19:50 Uhr

Christensen: It’s always good to go to Munich

19:57 Uhr

Neues Thema: Bildung. “Bildung macht den Kopf ein bisschen weiter und die Welt ein bisschen bunter” – Noichl.

#bildungsolleinlebenlangpassieren

20:02 Uhr

Christensen: Auslandserfahrungen “you’re a different person” “You live it and it shapes you”

#kernkompetenzen #erasmus #freiwilligendienst #growyourtalents

20:03 Uhr

Is Instagram noch in der EU?

#onlineauslandserfahrung #instagramshapeshimtoo #dahattemeinnachbarwohllangeweile #schönerfuß

20:16 Uhr

Ferber: Junge Generation ist europabegeistert.

Brexit-Diskussion (alt pro vs. jung contra)

“Entschuldigung aber es geht um meine Zukunft und nicht um Ihre”

20:16 Uhr

Christensen: “Europe is not the solution for everything but an important element to solve many problems.”

#schlusswort #deswoas #overandout #meinesockensindimmernochnass #dasbuffetisteröffnet #it’sawrap

“Jugend auf dem Schirm” in Brüssel am 30. Mai 2016

Eine Reportage von Clarissa Juse

Ein „Lobbying-Abend“ im Prunkschlösschen der Bayerischen Vertretung in Brüssel

Wie die bayerische Jugendarbeit die Europapolitik aufmischen will

Es ist ein grauer Spätnachmittag in Brüssel Ende Mai 2016. An den Fensterscheiben hängen Regentropfen, in denen sich das rote Licht der Ampeln verfängt. Ich befinde mich mit 13 anderen vielseitig journalistisch interessierten jungen Menschen in dem „VIP-Reisebus“, der uns von München über Nürnberg, Bonn, Maastricht und Aachen nach Brüssel gebracht hat. Der LED-Sternenhimmel an der Decke des Busses glitzert beruhigend, während sich langsam aber sicher eine gewisse Unruhe ausbreitet: Wir stehen nun seit einer Stunde im Stau der Brüsseler Rushhour – für einen Weg, der uns eigentlich nicht mehr als zehn Minuten hätte kosten sollen. Und unser Ziel ist eine Veranstaltung in der „EU-Bubble“ – der eigentliche Grund für unseren Aufenthalt in Brüssel.

Direkt neben dem Brüsseler EU-Parlament, einem monumentalen, grau-blau-gläsern verspiegelten Komplex thront das Prunkschlösschen der „Bayerischen Vertretung bei der EU“. Auf sanft geschwungenen und akkurat angelegten Wegen gelangen wir durch einen kleinen Park zum hübschen sandfarbenen Gebäude des Freistaats Bayern. Es gibt Erker und Türmchen und vor dem pompösen Eingang, der etwas and die adeligen Anwesen aus deutschen Vorabendserien erinnert, blühen weiße Rosen. Im Innenhof sorgen orange Biertischgarnituren für die gewisse bayrische Bodenständigkeit – allerdings sehen auch diese hochwertiger und glänzender aus, als jede Bierbank, die ich in Bayern je gesehen habe.

Komplett durchnässt vom belgischen Regen stolpern wir mit über einer Stunde Verspätung in die Veranstaltung.

Anscheinend sind wir jedoch die einzigen, die die Stausituation in den frühen Abendstunden hier nicht kennen, alle anderen waren pünktlich. Der warme, ovale Saal mit viel hellem Holz ist fast bis auf den letzten Platz besetzt – nicht schlecht für eine Lobby-Veranstaltung. Wie viele Gäste sich tatsächlich für das Thema interessieren oder nur wegen des guten Rufs des Caterings in der Bayerischen Vertretung gekommen sind, kann ich nicht sagen. Fest steht aber, dass wir die Eröffnungs- und Grußworte des Herrn Staatssekretär Hintersberger und des Präsidenten des Bayerischen Jugendrings Matthias Fack mehr als verpasst haben. Auf der Bühne ist die Fishbowl-Diskussion bereits in vollem Gange.

Initiator dieser offiziellen Abendveranstaltung ist der Bayerische Jugendring (BJR), eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Der BJR ist die Arbeitsgemeinschaft aller Jugendgemeinschaften und -initiativen im Freistaat und in ganz Bayern mit über hundert Stadt-, Kreis- und Bezirksjugendringen vertreten. Im Namen der Jugendarbeit setzt sich der BJR aktiv für die Interessen von Kindern und Jugendlichen ein – es geht um Dinge wie politische Partizipation, Jugendförderung, Bildung, Migration, Sozialpolitik… schlicht um alle möglichen jugendpolitisch relevanten Themen. Und damit diese Wünsche und Forderungen für ein jugend- und zukunftsfreundlicheres Europa nicht irgendwo auf der Strecke zwischen Bayern und Brüssel verloren gehen, hat der BJR nun eine Referentin für Europäische Jugendpolitik in Brüssel stationiert und ein Europabüro in der „EU-Bubble“ eingerichtet. Die Aufgabe der Referentin Lea Sedlmayr ist es, in Brüssel Lobbyarbeit zu leisten. Sich mit den wichtigen Leuten zu umgeben und die EU-Politik im Sinne der Jugend zu beeinflussen. Gemeinwohlorientiertes Lobbying sozusagen, im Gegensatz zu den unzähligen Vertretern großer Konzerne, die sich oft für nichts anders als die Steigerung ihres eigenen wirtschaftlichen Profits interessieren.

Auf dem Podium diskutieren nun der BJR-Präsident Matthias Fack, Jens Nymand Christensen, stellvertretender Generaldirektor für Bildung und Kultur in der Europäischen Kommission und die bei den Europaparlament-Abgeordneten Maria Noichl (SPD) und Markus Ferber (CSU). Ein fünfter Stuhl steht leer daneben, auf ihm darf jede und jeder zeitweise Platz nehmen und mit diskutieren. Interaktiv, partizipativ also.

Noch eine weitere Stunde wird debattiert. Es geht um eine neue Jugendstrategie ab 2018 und Erasmus+. Nachdem sich Christensen positiv darüber äußert, ist die Stimmung schon einmal gut. Geschlossene Grenzen will keiner der Diskutanten, aber sie sind sich auch einig, dass die von der EU beschlossene nötige Verteilung der Geflüchteten leider nicht wirklich umgesetzt wird. Ein Gast von den Pfadfindern setzt sich dazu und stellt fest, dass Partizipation der Jugend nur dann umgesetzt werden kann, wenn die bürokratischen Hürden, z.B. für Projektförderung, abgebaut würden. Generell gibt es einige rechtliche EU-Besonderheiten, die der Jugendarbeit zu schaffen machen. Frau Noichl hält Bildung für ein äußerst wichtiges Thema – diese „macht die Bilder im Kopf bunter“ – und sollte daher EU-Aufgabe sein. Man merkt, dass alle Diskutanten grundsätzlich sehr positiv gegenüber Jugendthemen eingestellt sind. Ein junger Mann vom Regensburger Stadtjugendring setzt sich dazu und stellt jedoch fest, dass vieles der früher beschlossenen Dinge eher Floskeln gewesen wären und schöne Ideen wie z.B. der „strategische Dialog“ der Politik mit der Jugend vor Ort kaum funktionierten. Noichl plädiert daraufhin bezüglich Partizipation dafür, dass die Brüsseler Abgeordneten statt ihren „Spezln“ vom Kegelverein lieber öfter Jugendliche aus ihren Wählerkreisen nach Brüssel einladen sollten. Christensen spricht noch ein zukunftsfrohes letztes Wort und dann ist der offizielle Teil der Veranstaltung „Auf dem Schirm: Jugend gestaltet Europa mit“ auch schon vorbei.

Nun folgt der angenehme Teil: Es ist mittlerweile nach 20 Uhr. Die Anwesenden haben Hunger. Wie gut, dass im Foyer schon ein reich gedecktes Buffet mit klischeehaft bayerischen Speisen wartet: Nudelsalat mit Schinken, Schnitzel und Nürnberger Rostbratwürstchen. Und obwohl sich selbst im tiefen Bayern nachhaltige Vegetarierbewegungen immer mehr durchsetzen, müssen sich diese hier in der Bayerischen Vertretung mit trockenen Brezen und Linsen begnügen. Dazu gibt es natürlich kühles, frisch gezapftes Bier, fränkischen Wein und Saftschorlen einer bayerischen Safterei.

Um die Vielfalt der Jugendarbeit anschaulich zu machen, hat der BJR zahlreiche Vertreter aus Bayern anreisen lassen, die ebenfalls im Foyer neben dem Buffet ihre Stände aufgebaut haben: der Stadtjugendring Regensburg belegt mit einer großen Zeitungswand seine zahlreichen Aktivitäten und baut Türmchen aus süßem Senf.

Die Gemeinde Geretsried bei München hat einen eigenen Jugendrat und stellt ihre Erfahrungen damit am Stand nebenan vor. Außerdem ist die kommunale Jugendarbeit des Landkreis Landshut sowie das Youth Conference Projekt der Burg Schwaneck vertreten. Draußen vor der Tür stapeln sich Regenschirme, doch das nass-kalte Wetter macht besonders einer Gruppe nicht allzu viel aus: den Pfadfindern. Sie haben im Innenhof ein Jurtenzelt aufgebaut und ein Lagerfeuer entfacht, das gemütlich orange vor sich hin glüht und knistert. Eine kleine Gruppe Pfadfinder in ihrer traditionellen Kluft steht mit Gitarre vor der Jurte und singt Lagerfeuerlieder. Frau Noichl gesellt sich für eine Runde „Über den Wolken“ zu ihnen und singt lauthals mit – ein schönes Bild.

Während im leeren Vortragssaal Vorstandsmitglieder der Jugendinstitutionen auf eine Torwand kicken, wird sich in den restlichen Räumen der Bayerischen Vertretung angeregt unterhalten. Es herrscht ein dichtes Gedränge, Bier und Wein fließen, man könnte fast vergessen, dass es ein Montagabend ist. Eine Stunde nach Ende der Podiumsdiskussion wird der Nachtisch serviert und es gibt immer noch genug Gesprächsmaterial. Erst nach 22 Uhr löst sich die Masse langsam auf.

Die BJR-Vertreter ziehen ein gemischtes Fazit. Natürlich freuen sie sich über das zahlreiche Erscheinen der Gäste. Auch die Fish-Bowl-Diskussion mit den jungen Mitdiskutanten lockerte die Atmosphäre des „verkopften EU-Brüssels“ etwas auf. Alle waren positiv überrascht, wie offen und zugänglich die Politiker und Kommissionsmitglieder waren. Echte Schlüsse aus den Worten lassen sich für die Jugendvertreter aber auch nicht unbedingt ziehen.

Uns 14 redaktionell begeisterte junge Erwachsene hat der Abend in dieser „EU-Bubble“ aber beeindruckt. Bleibt nur auch bei uns die Frage, ob hinter den positiven Worten der politischen Vertreter tatsächlich substanzielle Verbesserungen stecken oder alles leere Phrasen waren.

EU-Politiker im Selfie-Interview

Bayern in Brüssel – zwischen Jugend und Europa

von Tarek Fetih

Den Kindern und Jugendlichen in der europäischen Politikeine Stimme verleihen – das ist das Motto des Bayerischen Jugendrings (BJR),der seit dem 1. Mai 2016 mit einem eigenen Europabüro in Brüssel vertreten ist.

Den Rahmen für die Eröffnung der Dependance bildete dieVeranstaltung „Auf dem Schirm: Jugend gestaltet Europa mit“. Dafür hat der BJR am 30. Mai 2016 zusammen mit der Bayerischen Staatsregierung in sein „SchlossLittle Neuschwanstein“ – so wie die Vertretung des Freistaats Bayern von vielen in Brüssel gern genannt wird – eingeladen. Wichtigster Punkt und Programm des ganzen Abends: Europa und Jugend miteinander verbinden.

Doch wie schafft man das am besten? Grundsätzlich sprechen Politiker und Jugendliche eigentlich eine ganz unterschiedliche Sprache und haben sonst meist auch nur wenig gemeinsam. Aber wie können und wollen die EU-Politiker mit der Jugend in Verbindung treten? Genau das habe ich mich gefragt und wollte es von den Rednern der Veranstaltung wissen.

Statt mir meine Fragen in einem traditionellen Interview zu beantworten, stellte ich sie auf die Probe – im „Selfie-Interview“. Mit meinen Fragen im Kopf und dem Smartphone in der Hand durften die Damen und Herren sich einfach selbst interviewen. Ob sie mitmachen würden, wusste ich nicht, aber schließlich wollen sie ja die Jugend erreichen.


Im Selfie-Interview hatten alle die Möglichkeit frei zu sprechen. Ziel war es herauszufinden, wieso diese Veranstaltung so wichtig ist, wie man EU und Jugend verbinden kann und natürlich was die Politiker selbst dafür tun, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten.

Mal sehen, was sie dem vielleicht etwas ungewöhnlichen Interview-Partner, der Selfie-Kamera, zu sagen hatten…

Zum Schluss gab’s dann – na klar: natürlich noch ein richtiges Selfie ?

v.l.n.r.: Lea Sedlmayr (Referentin für EuropäischeJugendpolitik, BJR) Michael Schwarz (Leiter des Bereichs Entwicklung undBeratung, BJR), Matthias Fack (Präsident des Bayerischen Jugendrings, BJR), JensNymand-Christensen (Stellvertretender Generaldirektor GD Bildung und Kultur,Europäische Kommission), Maria Noichl (MdEP, Ausschuss für Landwirtschaft undländliche Entwicklung, Europäisches Parlament)

Die Jugend auf dem Schirm

Ein Abend der bayerischen Jugendarbeit in Brüssel ­– und ich mitten drin

Eine Reportage von Antonia Neumeier

Platsch, platsch, platsch – überall fallen Regentropfen auf den Boden. Von meinem Schirm prallen sie ab und tropfen auf die Erde. Die ganzen zwei Tage, die wir hier in Brüssel schon verbracht haben, endeten immer mit durchnässten Schuhen und kalten Ohren. Das”wir” ist eine kleine, aber feine Truppe. Ein paar abenteuerlustige Jugendliche und ihre Verstärkung, die sich auf den Weg von München über Nürnberg, Würzburg, Bonn und Maastricht in die große Hauptstadt Europas gemacht haben. Auf unserer Reise befragten wir Menschen zu Europa – politisch aktiv oder politikverdrossen, auskunftsfreudig oder Mikrophon-scheu. Meinungen zu der europäischen Gemeinschaft waren dabei genau so gefragt, wie neue Strophen für die Europa-Hymne oder Gedanken zu den Menschenrechten. Als ich in eine Pfütze trete, komme ich aus meinen Gedanken an die vergangenen Tage zurück ins Jetzt und damit auf die nass-graue Straße. Vor mir öffnet sich die Tür zum großen, majestätischen Gebäude der Bayerischen Vertretung und zusammen mit den anderen betrete ich die warmen Räume. Wir schälen uns aus den triefnassen Klamotten. Die Veranstaltung hat bereits angefangen und so schlüpfen wir unauffällig in den Hauptsaal. Im hinteren Saalteil sehe ich zwei Simultan-Übersetzerinnen im vollen Einsatz. Vorne stehen Banner mit lächelnden Menschen und Sätzen, wie dem Titel des Abends: „Auf dem Schirm: Jugend gestaltet Europa mit”. Auf dem Podium sitzen um eine Moderatorin herum der Präsident des Bayerischen Jugendrings Matthias Fack, Markus Ferber aus dem Ausschuss für Wirtschaft und Währung im Europäischen Parlament und neben ihm die einzige Frau der Runde, Maria Noichl, aus dem Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung im Europäischen Parlament. Auf dem letzten Stuhl der Diskussionsrunde ergreift Jens Nymand Christensen aus der Europäischen Kommission gerade das Wort. Die Jugendstrategie ist ein wichtiges Dokument, betont er auf Englisch. Von der”Jugendstrategie” ist an diesem Abend noch häufiger die Rede. Eine Strategie, wie Jugendliche sich in die europäische Politik einbringen, sich informieren und gesellschaftlich engagieren können. Eines der Hauptziele ist dabei die Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt – in ganz Europa. Es wird applaudiert.

Auf dem freien Platz neben den Diskutierenden nimmt eine kleine, rundliche Frau mit Brille Platz. Das Format der Fishbowl-Diskussion wird hier erprobt –für die EU-Politiker zum ersten Mal. Die Dame darf sich einfach einmischen und ihre eigenen Fragen stellen. Sie spricht sich gegen Grenzen in Europa aus und bekommt dafür zustimmendes Kopfnicken. So weit sind sich alle einig: Es ist gut, dass innerhalb von Europa keine Pässe mehr kontrolliert werden. Vom Thema Grenzen wendet sich die Diskussion hin zu den Flüchtlingen. Auch wenn die Flüchtlingswelle abgeflacht sei, dürfe man die angekommenen Flüchtlinge nicht aus den Augen verlieren, sie nicht unter den Tisch fallen lassen. Der freie Stuhl wird wieder gerückt und Pascal, ein Junge aus unserer Reisegruppe gesellt sich in die Diskussionsrunde. Er kritisiert die politische Bildung an Schulen und meint, man solle schon in der dritten Klasse damit beginnen. Auch wirft er ein: „Vielleicht sollte man schon mit 16 wählen dürfen”. Er begründet das mit der xenophoben Art der älteren Generation und den politischen Folgen, die in ganz Europa zurzeit spürbar sind – etwas das seine, die junge Generation kaum nachvollziehen kann. Das dritte große Thema bringt der Vorsitzende des Stadtjugendrings Philipp Seitz an den Tisch: Wie können europäische Projekte und vor allem Bildungsfahrten einfacher gefördert werden? Frau Noichel rät, sich an den entsprechenden Europa-Abgeordneten direkt zu wenden. Vor allem müssten die Jugendlichen selbst aktiv werden, pflichten alle bei. Die Moderatorin wirft noch ein paar Fragen in die Runde, die Diskutierenden jonglieren mit Worten und untermalen sie mit kleinen und großen Gesten. Nach einer Weile fasst die Moderatorin die Wünsche zusammen: Mehr Partizipation, zum Beispiel durch ein jüngeres Wahlalter, einfacher zu organisierende Fahrten und ein grenzenloses Europa. Als sich die Anzugträger von der Bühne erheben, drehe ich meinen Kopf und sehe mich im Saal um. In der Zuhörerrunde bemerke ich noch einige nachdenkliche Gesichter und nicht weit von mir entfernt raunt jemand den Satz: „Ich hab ja versucht selbst aktiv zu werden, wurde aber abgeblockt.“ Ein paar andere reiben sich bereits die Bäuche und drücken sich sanft in Richtung Buffet. Als ich mich auf den Weg zu einem kalten Bier mache, fallen mir die nassen Schirme am Eingang ins Auge. Draußen hat es mittlerweile aufgehört zu regnen, es ist dunkel und still geworden. Hier drinnen werden die Diskussionen und Gespräche immer lauter. Ich wünsche mir, dass sie nicht einfach abprallen wie der Regen am Schirm – sondern tiefer einsickern und lange wirken.